Leseprobe

Am nächsten Morgen erschien Jake allein zum Frühstück.

»Sarah geht’s nicht gut«, sagte er und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ich hab ihr gestern noch zwei Tabletten gegeben, damit sie überhaupt mal runterkommt. Jetzt ist sie völlig weggetreten. Total high. Oh, danke, Anne. Den kann ich jetzt echt brauchen.«

»Bitte«, sagte ich und stellte ihm einen Becher Kaffee hin. »Hier ist noch ein bisschen Milch, wenn du willst.«

Jake schüttelte den Kopf und leerte den Becher in einem Zug. Sein Gesicht war bleich, die Augen dick geschwollen, mit bläulichen Schatten darunter. Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht Party gefeiert.

Die Party der toten Seelen.

»Ach, das wird schon wieder«, meinte Britt leichthin und hielt ihm den Teller mit dem Toastbrot hin. »Heute Mittag ist sie wieder ganz die Alte.«

»Ja, vielleicht«, sagte Jake. Es klang nicht so, als glaubte er wirklich dran.

»Mach dir keine Sorgen, Jake.« Ich schenkte ihm Kaffee nach. »Das war echt ein Riesenschock für sie. Für uns alle«, fügte ich schnell hinzu. »Meinst du, sie will heim?«

Jake schüttelte den Kopf. »Ich glaub nicht. Und wenn doch, haben wir ein Problem. Mit dem kaputten Karren kommen wir garantiert nicht mehr bis Portland. Ich war vorhin mal draußen. Da ist ein Riesen-Ölfleck unterm Auto. Leitung endgültig am Arsch oder so.«

»Dann müssen wir was unternehmen«, sagte Ty ruhig.

Ich hatte mitbekommen, dass er sich am Abend vorher nochmal mit Jake auf dem Flur unterhalten hatte – sehr leise, damit keiner von uns anderen etwas mitbekam. So betont höflich, wie die beiden jetzt miteinander umgingen, war der Familienzoff wohl bereinigt. Trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Eine dunkle Wolke hing über Dambay, auch im übertragenen Sinne.

»Am besten fahren Jake und ich nach dem Frühstück gleich mal nach Belleport und machen uns auf die Suche nach einer Werkstatt«, fuhr Ty fort. »Irgendwie muss es doch auch was hier in der Gegend geben. Gibst du mir mal die Erdnussbutter rüber, Anny? Danke.«

»Der Typ im Laden wird’s hoffentlich wissen«, sagte Jake. »Der Zombie. Kann mir nicht vorstellen, dass die hier für jede kleine Drecksschraube nach Bangor pilgern müssen.«

Mir fiel die seltsame Stille ein, die über den Häusern an der Hauptstraße gelegen hatte, und dann dachte ich an die wenigen Menschen, die mir dort begegnet waren. Nicholas mit seinen Pornos unter und den Waffen-Magazinen auf dem Ladentisch, eine dicke, alterslose Frau im rosafarbenen Jogging-Anzug, ein unsichtbarer Kirchenmusik-Fanatiker und – Mrs. Kirby, die Bibliothekarin. Plötzlich fröstelte mich.

»He, wisst ihr was? Ich fahr mit!«, kiekste Britt und lachte, als hätte sie einen tollen Witz gemacht. »Ich bin schon so gespannt auf den Dorftrottel. Wenn ich euch beide dabei hab, kann mir nichts passieren, oder?«

Sie strahlte Jake und Ty an.

»Nenn ihn nicht so«, murmelte ich, aber das ging in Britts fröhlichem Kichern unter.

»Aber was ist mit …«

»Kein Problem, Jake«, sagte ich laut. »Ich bleib hier im Haus und schau nach Sarah. Fahrt ihr nur alle drei. Dann können schon zwei Leute schieben, wenn der Karren mitten im Wald stehenbleibt.«

Jake versuchte sein typisches ›Alles super, Kumpel‹-Grinsen, aber es sah sehr gequält aus.

»Mach dir keinen Kopf«, wiederholte ich schnell. »Wahrscheinlich schläft sie eh, bis ihr wieder da seid. Ich guck einfach immer mal wieder nach ihr, ob sie was braucht.«

»Danke, Anne«, sagte Jake leise und drückte kurz meine Hand. »Bist echt toll. Wirklich.«

Wissen Ihre Freunde, wer Sie wirklich sind?

»Hey, was hast du denn da gemacht?« Jake hielt meine Hand fest und zog sie an sich heran. »War das Tinker?«

»Nö.« Ich riss meine Hand zurück. »Bin irgendwo hängengeblieben. Nicht schlimm. Will noch jemand Kaffee?«

 

Ich stand am Wohnzimmerfenster und sah ihnen nach.

Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis der Chrysler anspringen wollte, und sogar von hier aus konnte ich den dunklen Fleck sehen, der auf dem hellen Kies zerfloss wie eine Blutlache.

Wir hatten echt ein Problem.

Ich atmete tief durch.

Nein. Ich hatte ein Problem.

Hastig zog ich die Gardine wieder zu.

Ich humpelte zum Sessel und ließ mich auf den abgeschabten Samt plumpsen. Dank der Tabletten hatte ich keine starken Schmerzen mehr, aber es würden garantiert Narben zurückbleiben. Tinkers Vermächtnis.

Tinker.

Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, lehnte mich nach hinten und ließ meine Gedanken wandern. Vermisste ich ihn? Nein, ganz bestimmt nicht. Er war ein gemeines Miststück gewesen, das kleinere Artgenossen gemobbt und größeren auf dem Bauch hinterhergekrochen war. Und er hatte gestunken. Nach faulen Eiern und der Hundekacke, in der er sich so gerne gewälzt hatte. Trotzdem war er Sarahs Ein und Alles gewesen. Auf Platz zwei gleich hinter Jake. Vielleicht sogar auch manchmal auf Platz eins.

Ich presste die Lippen aufeinander.

War es nicht genau das, was im Leben wirklich wichtig war? Dass einen irgendjemand liebte, egal, wie man aussah und welche Fehler man hatte? Ob man sich in Scheiße wälzte oder aus dem Maul stank? Und wer liebt dich?, zischelte eine Stimme in meinem Kopf. Wer liebt denn dich, Anne Turner? Deine Eltern? Deine Freunde? Ty? Ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

»Anne«, sagte Sarah plötzlich direkt hinter mir, und ich fuhr herum.

Sie war so still und leise hereingeschwebt wie ein Geist. Und genau wie ein Geist sah sie auch aus. Bleich, fast schon wächsern, mit trüben, toten Augen. Ihre Sommersprossen leuchteten wie geronnene Blutstropfen auf der fahlen Haut, und ihre hübschen, burgunderroten Locken, um die ich sie so beneidete, hingen jetzt schlaff und matt herunter.

»Oh, hallo Sarah«, stotterte ich. »Hab dich gar nicht reinkommen gehört, sorry. Die anderen sind –«

Sie schnitt mir mit einer raschen Handbewegung das Wort ab.

»Ich weiß.«

Ihre Stimme klang wie das Knistern von trockenem Pergament. Sie ließ sich mir gegenüber aufs Sofa fallen und sah mich mit einem seltsam lauernden Blick an.

»Wie geht’s dir?«, fragte ich, als ich mich wieder konzentrieren konnte. »Soll ich dir vielleicht einen Tee kochen? Oder lieber eine Tasse Kaffee? Ich könnte jetzt auch noch eine brauchen.«

Sarah schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte sie, während die Wanduhr schwerfällig eine Sekunde nach der anderen heruntertickte. »Ich will bloß mit dir reden. Sonst nichts. Nur reden.«

Ich atmete tief durch. Dann nickte ich.

»Klar. Leg los.«

 

Es war schon fast halb eins, als die anderen endlich zurückkamen. Ich rubbelte mir gerade die Haare trocken, als das dumpfe Brummen durch das Badezimmerfenster hereindröhnte. Eigentlich duschte ich nie tagsüber, aber jetzt, nach dem Gespräch mit Sarah, hatte ich dringend heißes Wasser und Lavendelschaum gebraucht. Es gibt nichts Besseres als den süßen Duft von Lavendel, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen.

In das Dröhnen mischte sich ein helles Klappern, ein Motor heulte auf, dann war es wieder still. Die Geräusche klangen immer noch ziemlich ungesund für ein Auto, aber kein Vergleich mehr zu dem Höllenkonzert, das der Chrysler bei der Abfahrt veranstaltet hatte. Sie waren also auf ihrer Suche nach einer Werkstatt fündig geworden.

Hastig griff ich nach meinem Sweatshirt und zog es mir über, obwohl das Wasser noch von meinen Haarspitzen tropfte und den Stoff durchweichte. Ich zischte einen Fluch. Jetzt knirschten Schritte hastig über den Kies, die Verandastufen knarrten, und dann schlug die Eingangstür krachend auf.

»Sarah?«, hörte ich Jakes Stimme im Flur. »Sarah! Anne! Wir sind wieder da!«

»Bin hier oben im Badezimmer!«, brüllte ich, so laut ich konnte. »Komme sofort!«

»Und wo ist Sarah? In ihrem Zimmer?«

»Nö, im Keller! Wollte schon mal mit Ausräumen anfangen. Warte, ich bin gleich fertig und –«

»Ty?«

Das war Britt.

»Ty, Schatz, wo bist du?«

Ich stutzte, ein Bein schon in der Jeans. Warum rief sie nach Ty? Er war doch mit ihr und Jake zusammen weggefahren.

Komisch.

Ich schlüpfte ins andere Hosenbein und zog den Reißverschluss hoch. Dann bückte ich mich nach meinem Handtuch, das vom Wannenrand gerutscht war.

»Sarah?« Jakes Stimme klang jetzt dumpf. »Sarah, Schatz, du sollst doch nicht …«

Plötzlich war es still.

»Jake?«, wollte ich rufen, aber ich brachte keinen Ton raus. Instinktiv wusste ich, dass irgendwas nicht stimmte. Irgendwas war passiert. Irgendwas …

Dann hörte ich Jakes Schrei, und das nasse Handtuch rutschte mir aus den Händen und klatschte auf die Fliesen.

Warum schreit Jake so laut? Hat der 'Nebelküstenkiller' wieder ein neues Opfer gefunden? 

 

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