Leseprobe

Es war bereits stockfinster, als sich Julia endlich durch den überfüllten Supermarkt bis nach Hause gekämpft hatte. Die Henkel der durchweichten Papiertüten schnitten tief in ihre Handflächen, und von den Haarspitzen tropfte es kalt in ihren Mantelkragen. Mit einem erleichterten Seufzer ließ Julia die Tüten auf die Treppe sinken, die zu der schweren Eingangstür des Dreißiger Jahre-Baus hoch führte. Freitagabend in Frankfurt bei Herbstregen – da half irgendwann sogar die schönste Traumreise nicht mehr. Hoffnungsvoll rüttelte sie an dem abgegriffenen Messingknopf, aber natürlich war die Tür abgesperrt.

   Ihre Vermieterin Frau Wagner, eine Witwe in den späten Sechzigern, führte ein eisernes Regiment von ihrem Beobachtungsposten direkt gegenüber, wo sie aus ihrer Wohnung im zweiten Stock perfekte Sicht auf ihre Immobilie und vor allem jeden einzelnen Mieter hatte. Die von ihr persönlich ausgearbeitete Hausordnung umfasste fünfzehn eng bedruckte Seiten, und wer es wagte, sich auch nur einem einzigen Punkt zu widersetzen, fand kurze Zeit später eine Verwarnung in Form eines leuchtendgelben Klebezettels an seiner Wohnungstür vor – zweimal unterstrichen. Natürlich stand das ordnungsgemäße Verschließen des vorderen und hinteren Hauszugangs – Tag und Nacht! – ganz oben auf der Liste.

   Julia fluchte leise, während sie mit klammen Fingern in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel wühlte. Die Lampe über der Tür war bestimmt schon seit einem halben Jahr kaputt, denn Frau Wagner zeichnete sich nur durch Ordnungsliebe, sondern auch noch durch gewaltigen Geiz aus.

   Eine der beiden Tüten kam auf dem feuchten Stein ins Rutschen und schlug hart gegen Julias Schienbein. Fluchend wandte sie sich zur Seite und bückte sich.

   Hinter ihr stand jemand.

   Instinktiv riss Julia den Arm hoch, doch es war zu spät. Ein Schatten drängte sich zu ihr in den Eingang und stieß sie rückwärts. Die Einkaufstüten kippten um, und ein paar Äpfel kullerten gemächlich die Stufen hinunter auf den Gehsteig. Julia öffnete den Mund, um zu schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Trotzdem reagierte der Schatten sofort.

   »Schhhh …!«, zischte er. »Bitte, sei ruhig, ja? Bitte! Mir bleibt nicht viel Zeit …«

   Der Schatten blickte sich nervös nach rechts und links um, und Julia konnte ihren Angreifer endlich etwas genauer sehen. Von seinem Gesicht war unter der Kapuze nichts zu erkennen, aber die dünne, schlaksige Gestalt erkannte Julia trotzdem sofort wieder.

   Der Typ aus der U-Bahn. Der Vampir.

   »Ich … ich hab bloß noch zehn Euro im Geldbeutel«, stammelte sie. »Die kannst du haben, aber –«

   »Schhhhh!«, machte der Vampir wieder. »Bitte, hör mir zu!« Seine Stimme klang jetzt flehentlich. »Du bist in höchster Gefahr, verstehst du? Bis jetzt war alles nur ein Test, aber bald zünden sie die nächste Stufe, so wie immer. Du musst aussteigen, bevor es zu spät ist, kapiert? Du musst das Ganze abbrechen! Sofort!«

   Das Brummen eines Automotors näherte sich. Blitzschnell presste sich der Vampir mit dem Rücken flach an die Wand, das Gesicht zur Straße gerichtet. Er murmelte etwas, was Julia nicht verstehen konnte, aber sie machte sich auch keine Mühe. Wenn sie jetzt mit der Handtasche richtig Schwung holte, dann –

   Der gelbe Lichtfinger eines Scheinwerfers erfasste für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gesicht und blendete sie. Reifen zischten auf dem nassen Asphalt vorbei, dann wurde es wieder dunkel. Vor Julias Augen tanzten Sterne. Sie konnte nur noch schemenhaft den Umriss des Fremden erkennen, der jetzt wieder ganz dicht vor ihr stand.

   »Du musst aussteigen. Sofort!«, wiederholte er mit rauer Stimme. »Die legen bald die Quoten fest, und dann beginnt die Jagd! Sie lassen dich nicht mehr aus ihren Klauen, verstehst du? Brich das Programm ab, wirf dein Smartphone weg, und logg dich auf keinen Fall mehr ins Internet ein, okay?«

   »Aber was –«

   »Hau ab! Verschwinde von hier, ein paar Wochen mindestens, besser noch ein Jahr oder so«, schnitt er ihr das Wort ab. »Vielleicht finden sie bald jemand anderen, und dann interessieren sich nicht mehr für dich, wenn du ganz viel Schwein hast. Aber das Wichtigste ist, dass du sofort aussteigst, kapiert? Du musst abhauen, jetzt gleich!«

   Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Julia hatte Schwierigkeiten, ihn überhaupt zu verstehen.

   »Von was redest du denn eigentlich?«, krächzte sie. »Ich hab absolut keine Ahnung, was du meinst!«

   Plötzlich spürte sie seinen Griff an ihrem Oberarm, und instinktiv fuhr sie zurück. Die Finger lösten sich sofort.

   »Sorry«, stammelte der Vampir. »Tut mir leid, wirklich, tut mir total leid, echt! Aber versteh doch, du bist in allergrößter Gefahr! Du musst abhauen! Sie –«

   Wieder näherte sich ein Auto, diesmal deutlich langsamer.

   »Scheiße«, zischte der Vampir, während er sich umwandte und auf die Straße starrte. »Das können sie doch nicht sein, oder? So schnell können die doch nicht schon mit der Überwachung anfangen …« Seine Stimme kippte.

   »Was denn für eine Überwachung?«, fragte Julia verwirrt. »Von wem sprichst du eigentlich?«

   Unter der Kapuze blitzten zwei eisblaue Augen auf. »Na, von ihnen«, flüsterte der Vampir. »Wenn die mich hier erwischen, bin ich tot. Und du auch, wenn du nicht sofort verschwindest. Hau ab, sag ich dir. Hau ab, solange du noch kannst! Viel Glück.«

   Er stolperte rückwärts die Treppenstufen hinunter und warf den Kopf nach links und rechts. Bläulichkaltes Scheinwerferlicht traf auf das Metall der geparkten Autos und ließ sie aufblitzen. Blitzschnell warf sich der Vampir herum und rannte dann in die entgegengesetzte Richtung davon.

   Julia wartete, bis der Wagen an ihr vorbeigefahren und Richtung Hauptstraße verschwunden war. Dann stakste sie steifbeinig die Stufen herab und beugte sich nach vorne. Der Gehweg lag dunkel und verlassen da. Sie reckte den Hals, doch der Vampir war verschwunden, als hätte er nie existiert.

   »Mannomann«, murmelte sie mit zittriger Stimme. »Die Welt ist echt voller Spinner.«

 

Ist der Vampir wirklich nur ein harmloser Spinner - oder sollte Julia seine Warnung besser äußerst ernst nehmen?

 

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