Leseprobe

Mai-Lins Mutter saß auf einem wildgeblümten Sofa, dessen grelle Pink- und Türkistöne glücklicherweise von einem Plastiküberzug gedämpft wurden, und starrte Nina an, als käme sie vom Mars. Das kleine Zimmer, gleich rechts neben der Eingangstür, schien Ess-, Wohn- und Schlafzimmer in einer Funktion zu sein. Poster von grell geschminkten Filmstars klebten an jedem freien Stückchen Wand. Ninas Unterbewusstsein registrierte ein Regal, das mit buntem Geschirr und Kunstblumensträußen bestückt war, einen kleinen Tisch mit zwei Klappstühlen aus rotem Stahlrohr, einen altersschwachen Fernseher, aus dem eine junge Frau mit strengem Gesicht Nachrichten auf Chinesisch vorlas, und natürlich besagtes Klappbett-Sofa. Mrs Yuang hockte auf ihm so reglos wie die Püppchen neben ihr, die blöde vor sich hin grinsten.

   »Guten Tag, Mrs Yuang«, sagte Nina tapfer. »Entschuldigen Sie, dass ich einfach so hier reinplatze, und ich möchte Ihnen natürlich erst mal mein Beileid –«

   »Sind Sie vom Maklerbüro?«, unterbrach sie Mrs Yuang mit einer unangenehm schrillen Stimme. Ihr Englisch hatte einen starken Akzent, als würde sie es nur selten sprechen.

   »Ich? N… nein«, stotterte Nina. Maklerbüro? Wollte die Frau ihre Wohnung verkaufen, um nicht ständig an das furchtbare Unglück erinnert zu werden? Sie hatte vollstes Verständnis dafür. In einem Zimmer zu sitzen und sich Tag für Tag vorzustellen, dass genau durch dieses Fenster …

   »Nein«, wiederholte sie schnell. »Ich bin eine Bekannte Ihrer Tochter. Besser gesagt, ich …« Nina stockte. Wie beschrieb man ein im wahrsten Sinne des Wortes flüchtiges Verhältnis zu Mai-Lin? Gott, war das kompliziert. Und alles noch auf Englisch …

   »Was für eine Bekannte?«, fragte die hagere Gestalt in der dunkelblauen Kittelschürze und arbeitete sich schwerfällig vom Sofa hoch. »Was wissen Sie von Mai-Lin?«

   Komische Frage, dachte Nina automatisch, kam aber nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Mrs Yuang stakste ein paar Schritte und blieb direkt vor ihr stehen. Sie musste den Kopf senken, um in das faltige, verhärmte Gesicht der Frau schauen zu können. Mai-Lins Mutter reichte ihr gerade mal bis zur Schulter, obwohl sie Frotteehausschuhe mit dicken Plateausohlen trug – ein Modell, das es garantiert nur in Asien zu kaufen gab.

   Trotzdem strahlte die kleine Frau eine Energie aus, die Nina fast körperlich zu spüren meinte. Es war keine gute Energie.

   »Mein Beileid zum Tod Ihrer Tochter«, wiederholte Nina fest. Manchmal war es wohl besser, die Dinge einfach beim Namen zu nennen. Mrs Yuang sah nicht so aus, als würde sie gleich vor Trauer zusammenbrechen. Etwas anderes sprach aus dem runden Gesicht, über dem ein Spinnennetz aus feinen Falten lag und es schwer machte, das Alter der Frau zu schätzen. Sie konnte höchstens fünfzig sein, aber die Tränensäcke unter den dunklen Augen, die fahle Gesichtsfarbe und vor allem die Zahnlücken, die zwischen ihren schmalen Lippen aufblitzten, ließen sie gute zwanzig Jahre älter wirken. Mai-Lins Mutter hatte das Gesicht einer Frau, die schon seit langem vom Leben enttäuscht war, nicht erst seit gestern.

   »Und ich weiß ehrlich gesagt nicht viel von ihr«, fuhr Nina fort. »Ich bin keine alte Studienfreundin oder so was. Aber ich hab wenigstens so viel mitgekriegt, dass ich nicht an Selbstmord glaub, egal, was die Polizei sagt. Und ich weiß, dass Mai-Lin das alte Shophouse am Boat Quay verlieren sollte, weil Sie beide die Sanierung nicht zahlen konnten.«

   »Sind Sie von der Polizei?«, fragte Mrs Yuang scharf.

   Plötzlich lag pure Feindseligkeit in ihrem Blick.

   »Nein, natürlich nicht. Ich sagte doch, ich hab Mai-Lin nur zufällig getroffen.«

   Was hatte die Frau denn bloß? Warum stellte sie so komische Fragen? Nina hatte so ziemlich sämtliche Gefühlsausbrüche wie Weinkrämpfe und Wutanfälle erwartet, aber nicht dieses lauernde Misstrauen ihr gegenüber. Kam das vielleicht daher, dass sie eine Fremde war? Keine – wie hießen die Leute doch gleich –Peranakan?

   »Von der Zeitung?«, fragte Mrs Yuang weiter. »Ich geb keine Interviews. Nicht einfach so.«

   »Nein, auch nicht von der Zeitung. Ich wollte Ihnen eigentlich nur meine Hilfe anbieten, weil ich –«

   »Ich brauch keine Hilfe. Mai-Lin ist tot, mehr gibt’s nicht dazu zu sagen.«

   »Glauben Sie auch, dass es Mord war?«, hakte Nina ein. »Hat die Polizei schon mit Ihnen gesprochen?«

   »Die Polizei, die Polizei!«, äffte Mrs Yuang sie böse nach. »Die Polizei weiß nichts. Gar nichts weiß die. Mord! Was für ein Blödsinn! Wer sollte meine Tochter denn ermorden, hä? Wer? Es ist nicht mal was geklaut worden. Dieser furchtbare Mann in dem langen Mantel, der so tut, als wär er ein Detektiv aus Amerika, hat sogar in den Schubladen rumgestöbert! Ausgerechnet der mit seinen dreckigen Fingern! Dass so jemand überhaupt bei der Polizei arbeiten darf …«

   »Warum? Was ist denn mit dem Kommissar nicht in Ordnung?«, fragte Nina verdutzt in das Gezeter hinein.

   »Natürlich, Sie sind ja auch Ausländerin«, sagte Mrs Yuang gehässig. »Die halten immer zusammen. Vor allem, wenn’s gegen uns geht, uns Peranakan. Aber davon wissen Sie ja sicher nichts. Woher auch.«

   »Ich weiß sehr wohl, wer die Peranakan sind«, antwortete Nina und hoffte, dass sie mit der Notlüge durchkam. Im Reiseführer hatte nicht viel über die Pioniere aus Chinas Süden gestanden. Und für den Museumsbesuch, den ihr der Abt empfohlen hatte, war auch noch keine Zeit gewesen. »Aber was hat das mit Kommissar Takahashi zu tun?«

   »Er ist Japaner«, sagte Mrs Yuang kalt. »Wissen Sie denn nicht, was uns die Japaner angetan haben, damals, im Zweiten Weltkrieg? Die Besetzung, und die Gefangenenlager draußen in Changi, wo jetzt die Flugzeuge landen, und die ganzen Hinrichtungen …«

   »Stimmt, sein Chef erwähnte was von Japan. Aber –«

   »So einer hat hier nicht rumzuschnüffeln«, unterbrach sie Mrs Yuang. »Mai-Lin hatte viele Probleme, und jetzt ist sie den einfachsten Weg gegangen.«

   Sie deutete mit dem Kinn Richtung Fenster.

   Es war ein merkwürdiges Fenster. Breiter als hoch, zum Aufschieben. Kein Fensterbrett. Polyestergardine. Ninas Augen scannten den Raum rund um das Fenster ab. Mai-Lin hätte einen Hocker oder einen Stuhl gebraucht, um rauszuklettern. Keine Spuren an der gelbstichigen Raufasertapete. Wenigstens keine, die man auf die Entfernung erkennen konnte. Nina ging zur Wand und kniff die Augen zusammen, während sie den Fensterrahmen musterte.

   »Suchen Sie was Bestimmtes?«, erscholl hinter ihr die schrille Stimme Mrs Yuangs. »Bin ich nicht schon gestraft genug? Müssen jetzt auch noch alle Leute hier reinspaziert kommen und alles angaffen?«

   Nina fuhr herum.

   »Oh, ja, natürlich. Entschuldigen Sie bitte. Es ist nur, weil … Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich beim Tod Ihrer Tochter nicht um Selbstmord oder einen Unfall handelt, sondern um ein Verbrechen. Aber wenn der Kommissar schon hier war, hat er bestimmt schon alles untersucht.«

   »Das hat er. Und zwar mehr als gründlich. Können Sie mir nicht endlich sagen, was Sie hier eigentlich wollen?«

   Nina zögerte. Das Gespräch verlief nicht mal annähernd so, wie sie erwartet hatte. Die Idee, den Schlüssel zu bekommen und vielleicht sogar gemeinsam mit Mrs Yuang zum alten Haus zu marschieren, um dort mit vereinten Kräften nach dem Schatz zu suchen, konnte sie bestimmt begraben.

   Und so war es auch. Allerdings aus einem anderen Grund, als Nina gedacht hatte.

   »Den Schlüssel wollen Sie? Hab ich nicht mehr. Das Haus gehört jetzt mir, und ich kann damit machen, was ich will. Ich verkauf das alte Ding, so schnell es geht. Gott sei Dank gibt’s auch schon einen Interessenten, und der hat jetzt den Schlüssel. War gleich gestern Abend hier, sogar mit paar weißen Chrysanthemen. Der Mann weiß eben, was sich gehört. Sehr seriös. Immobilienmakler. Und er zahlt gut.«

   »Das kann ich mir denken«, flüsterte Nina.

   »Was haben Sie gesagt?«

   »Schade, dass Sie das Haus nicht behalten wollen«, sagte Nina, diesmal laut. »Echt schade. Mai-Lin hing doch sehr dran, oder? Und man könnte wirklich was Tolles draus machen, wenn –«

   »Ich bin mir sicher, Mister Wong wird was Tolles draus machen«, sagte Mrs Yuang eisig und wies mit ihrer mageren Kralle Richtung Tür. »Wenn Sie jetzt bitte gehen, ja? Ich muss mich um so viele Sachen kümmern, und keiner da, der mir hilft. Lässt mich das Mädchen einfach sitzen, mich, ihre Mutter! Und dabei hab ich alles für sie getan, alles! Extra in die Fabrik zum Nähen bin ich gegangen, von morgens früh bis spät in die Nacht, und alles nur, damit Mai-Lin ihren Kopf durchsetzen kann und studieren geht! Dabei hätte sie doch nach der Schule einfach –«

   »Alles Gute für Sie, Mrs Yuang«, unterbrach Nina den Redeschwall. Sie hatte plötzlich das Gefühl, Mrs Yuang keine Sekunde länger mehr ertragen zu können. »Auf Wiedersehen.«

 

Was für eine seltsame Frau, diese Mrs Yuang, dachte Nina, als sie die Treppenstufen hinunterhastete. Wütend, frustriert, aggressiv. Alles, nur nicht traurig. Was für eine furchtbare Mutter …

   Und bevor sie Mister Wong, dem Immobilienhai, einen Besuch abstattete, musste sie ganz dringend in die New Bridge Road. Mal sehen, ob diesem japanischen Kommissar auch der kleine Gardinenhaken auf der rechten Seite des Fensters aufgefallen war, aus dem sich Mai-Lin angeblich freiwillig gestürzt hatte.

 

Ganz in Gedanken versunken vergaß Nina ihre Vorsicht, als sie das Haus in der Bukit Pearl Avenue verließ. Sie warf nur einen flüchtigen Blick über die Schulter, während die Eingangstür krachend hinter ihr ins Schloss fiel. Die alten Männer waren samt Campingtisch und Klapphockern spurlos verschwunden, und die Straße lag wieder ruhig und verlassen da. Sogar die Regenwolken waren in der heißen Mittagssonne weggeschmolzen und hatten nur einen milchigweißen Dunstschleier am Himmel zurückgelassen.

   Nina warf sich den Rucksack über die Schulter und ging schneller. Höchste Zeit für das Polizeihauptquartier – und danach einen Abstecher über den Foodmarket. Ihr knurrte schon der Magen.

   Der Schatten im weißen Hemd und den schwarzen Polyesterhosen wartete geduldig hinter dem Gebüsch, bis die Fremde genügend Vorsprung hatte. Dann löste er sich aus dem dunklen Grün und machte sich an die Verfolgung.

 

* * *

 

»Tolle Idee«, maulte Long Xi und rieb sich die hässliche Schnauze, als wir endlich wieder heil auf der sacbé angekommen waren.

   Zwischen dem zweiten und dritten Stock hatte es einen kleinen Zwischenfall gegeben, als sich der Gassendrache und die Schuppenwürmer-Patrouille nicht einig geworden waren, wer zuerst die Stufen betreten durfte.

   Leider waren die Kerlchen erstaunlich zäh. Ich hätte mir nach so einem metertiefen Sturz garantiert wenigstens das Genick ausgerenkt. So aber traf ich die ganze Gesellschaft gesund und munter Ohrfeigen austeilend im Erdgeschoss wieder. Man kann halt nicht immer Glück haben.

   Wo wir gerade beim Thema Glück sind – wir hatten keines. Während mein Menschenwesen noch mit dem furchtbar grässlichen Waschweib diskutierte, waren die Drachen und meine Wenigkeit in Windeseile durch die läppischen paar Quadratmeter gehuscht, in denen die Alte hauste. Wir fanden ’ne ganze Menge. Nur nicht den Schlüssel zu der Bruchbude.

   »Tolle Idee«, wiederholte gerade der Idiot namens Long Xi. »Toll, toll, toll. Ich hab ’nen Zahn verloren. Hinten links.«

   »Hilft gegen Gallensteine«, quiekte ein Tempeldrache dazwischen, während er eifrig Schuppen aufklaubte und sich wieder anpappte. Leider erwischte er auch ein paar grüne vom Gassendrachen, so dass er immer mehr wie eine gefleckte Kuh aussah. »Pulverisiert und in Ziegenmilch aufgelöst auch gegen Impotenz.«

   »Reizend«, sagte ich. »Wenn sich die Herrschaften wieder unseren Problemen zuwenden könnten …«

   »Hab ich doch«, zwitscherte der Tempeldrache und betrachtete sein Werk glücklich im funkelnden Licht der Sonne. »Dingdong!«

   Aus dem Nichts zauberte der fleckige Wurm doch glatt ein kleines Ding, das wie ein Schlüssel ausschaute Es war nur so groß wie ein Wachtelei und hatte so gut wie keine Zacken, aber in der Not frisst der Ameisenbär Bienen.

   »Also gut, gehen wir zum Haus und versuchen wir’s«, sagte ich. Was anderes blieb uns im Moment eh nicht übrig. »Vielleicht kriegen wir damit ja die Eingangspforte wirklich auf. Aber erst muss ich gucken, was mein Menschenwesen wieder Blödes anstellt. So wie’s aussieht, geht’s Richtung Puhbahn oder wie die unterirdischen Karren heißen. Und dann –«

   »Nix da«, sagte der Tempeldrache und entblößte seine obsidiannadelspitzen Zähnchen. »Erst die Tür, dann das Vergnügen.«

Ob Nina noch rechtzeitig bemerkt, dass ihr jemand auf den Fersen ist? Wird es der Alux trotz gemeingefährlicher Tempeldrachen auch diesmal schaffen, den Gott des Todes, bei dem Nina ganz oben auf der Einlieferungsliste in die Unterwelt steht, von ihr abzulenken?

 

Monsunmord ist hier erhältlich als e-Book und als Taschenbuch.